CraftTech: Handwerk trifft Start-up

24.06.2026

Gruppenfoto CraftTech 2026©Ulf Schaumlöffel

Kassel, 24.06.2026. Bei einer neuartigen Veranstaltung von Handwerkskammer Kassel und Wirtschaftsförderung Region Kassel tauschten sich Handwerksbetriebe und Start-ups aus und loteten konkrete Möglichkeiten der Zusammenarbeit aus.

Digitalisierung, Künstliche Intelligenz, Automatisierung und moderne Fertigungstechnologien: Die Arbeitswelt wandelt sich derzeit rasant. Das ist auch im Handwerk zu spüren. Doch welche technologischen Innovationen bringen in der betrieblichen Praxis wirklich einen Mehrwert und wie lassen sie sich in den Arbeitsalltag integrieren? Vor allem aber: Wer soll sich in kleinen und mittleren Unternehmen, wie sie im Handwerk verbreitet sind, neben dem Tagesgeschäft um all das kümmern? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Veranstaltung „CraftTech – Handwerk trifft Start-ups“, zu der die Handwerkskammer Kassel (HWK) zusammen mit der Wirtschaftsförderung Region Kassel (WFG) erstmals eingeladen hatte.

In lockerer Atmosphäre im Science Park der Universität Kassel kamen Vertreterinnen und Vertreter von regionalen Handwerksbetrieben mit fünf jungen Unternehmen zusammen, die ihre Innovationen, Produkte und Geschäftsideen präsentierten. Der Austausch sei für beide Seiten wertvoll, unterstrichen HWK-Hauptgeschäftsführer Jürgen Müller und WFG-Geschäftsführer Kai Lorenz Wittrock: einerseits für die Handwerksbetriebe, indem sie neue Technologien, digitale Werkzeuge und innovative Entwicklungen frühzeitig kennenlernen. Andererseits für die Start-ups, die konkrete Rückmeldungen aus der Praxis zu ihren Ideen bekommen.

In seinem einleitenden Vortrag über KI im Handwerk machte Professor Martin Przewloka von der Technischen Hochschule Mittelhessen deutlich, dass Abwarten keine Option sei, wenn man KI nicht nur für kurzfristige Effizienzeffekte, sondern für echte Innovationen nutzen wolle – etwa für neue Serviceangebote oder Produktverbesserungen. „Sie müssen sich jetzt damit beschäftigen, wenn Sie mit KI wirklich transformieren wollen“, appellierte er an die Betriebe.

Grundlage dafür seien umfangreiche Daten. Dabei seien nicht herkömmliche Excel-Tabellen gefragt, sondern digitale Daten aller Arbeitsschritte und Prozesse im Betrieb. „Je mehr Daten Sie haben, desto mehr werden Sie KI transformierend zum Leben erwecken“, sagte Przewloka und wies darauf hin, dass dafür auch die typisch deutsche Skepsis gegenüber der Sammlung von Daten überwunden werden müsse. Nötig sei ein digitales Abbild all dessen, was im Betrieb passiere. Dabei betonte der Wissenschaftler, dass die KI menschliche Kreativität und Arbeit nicht ersetze, sondern ein Werkzeug sei, mit dem der Mensch arbeite. Er rief zudem dazu auf, unternehmensübergreifend zusammenzuarbeiten, da isolierte KI-Projekte wenig erfolgversprechend seien.

Dem konnte Juliane Veltum von der Veltum GmbH nur beipflichten. Sie griff das Gefühl vieler kleiner und mittlerer Betriebe im Handwerk auf, angesichts des Tempos der Veränderungen überrollt zu werden. Daher müsse man mit anderen kooperieren, um mithalten zu können, so die junge Unternehmerin. Ein einfacher Wissensaustausch reiche dabei nicht mehr, es gehe darum, „gemeinsame Schmerzpunkte“ zu identifizieren und zusammen Lösungen zu entwickeln.

Das Sanitär-Heizungs-Klimatechnik-Unternehmen aus Waldeck pflegt zur Problemlösung nicht nur Partnerschaften mit ähnlich aufgestellten Handwerksunternehmen aus anderen Regionen. Gemeinsam spreche man zur Problemlösung auch Start-ups an und teile sich entstehende Kosten. So arbeitet Veltum bereits mit der Digiwerkstatt4B zusammen, die Tools für die Bedarfe des Handwerks anbietet. Zudem bietet das Familienunternehmen zusammen mit Partnerunternehmen gemeinsame KI-Schulungen für die Belegschaften an.

Insbesondere im ländlichen Raum seien regionale Netzwerke als Innovationsmotor wichtig, betonte Juliane Veltum, die das „Network Waldeck-Frankenberg“ mitgegründet hat: „Wir sind als Handwerksbetriebe zu klein, um große Unternehmen für Lösungen heranzuziehen“, so die Podcasterin, Speakerin und Handwerksunternehmerin. „Deshalb müssen wir Netzwerke bauen, wo mehr Betriebe drin sind, dann wird es wieder attraktiv.“

Vernetzung stand auch im Mittelpunkt der CraftTech-Veranstaltung, die von Steffen Wiesenberg moderiert wurde, dem Leiter der Abteilung Betriebsberatung und Unternehmensführung der Handwerkskammer. Nach den Kurzvorstellungen der Start-ups (siehe unten) gab es nicht nur angeregte Gespräche, sondern auch einige Verabredungen zu einem vertieften Austausch für eine mögliche Zusammenarbeit.

„Der Abend hat viel gebracht“, sagte Frank Wiegand, Geschäftsführer der Sanierungsfirma „Remax direkt“ aus Frielendorf im Anschluss. Er sei überrascht gewesen, wie viele Start-ups es in der Region gebe, deren Innovationen Schnittmengen zum Handwerk aufwiesen. Für sein Arbeitsfeld sei neben dem digitalen Assistenten „Berni“ vor allem die automatisierte Klimastrategie von „b2morrow“ interessant. Bei energetischen Sanierungen könnte man damit Kunden direkt über die App beraten und Fördermittel ermitteln, so der Handwerksunternehmer. Aber auch für den eigenen Betrieb werde das Thema immer wichtiger. Banken und Versicherungen fragten zunehmend nach Nachhaltigkeitsdaten, so Wiegand: „Das wird sicher noch deutlich zunehmen.“

Digiwerkstatt4B, André Voller: Das Start-up ist eine Tochter der Berns Gruppe aus Kleve und entwickelt smarte KI-Lösungen für das Handwerk. „Berni“ fungiert dabei als digitaler Kollege, der auf der Baustelle, im Büro oder bei der Projektleitung assistiert: etwa bei der Tages- oder Wochendokumentation, die auch per Spracheingabe funktioniert, beim Ausfüllen von Formularen, bei der Zeiterfassung und der Verwaltung von Daten und Notizen.

Powersoil, André Sennhenn: Das Unternehmen bietet eine ressourcenschonende Lösung an, um Böden zu stabilisieren und tragfähig zu machen und so das aufwändige Ausheben und Entsorgen vor Bauprojekten zu vermeiden. Dafür wird der Boden vor Ort mit einem flüssigen Zusatzstoff vermischt, der einen Verdichtungseffekt hat. Der Vorteil laut Sennhenn: bis zu 85 Prozent weniger CO2-Emissionen, halbierte Kosten und kürzere Bauzeiten.

Pilotarc, Alexander Noll: Was der 3D-Druck für Plastikteile leistet, will Pilotarc für Metallteile bieten. Das Startup hat eine massentaugliche Plasmaschneidanlage entwickelt, mit der sich zweidimensionale Metallteile im Handumdrehen selbst erstellen lassen und die Betriebe damit unabhängiger von Lieferzeiten macht. „Wir können alles von 1 Millimeter Alu bis 2 Zentimeter Stahl schneiden, mit einer Präzision unter 0,5 Millimeter.“

Coartec, Johannes Pfleging: Collaborative Augmented Reality (AR), also Zusammenarbeit und erweiterte Realität, steckt im Namen – und mithilfe von AR-Brillen und digitalen Schritt-für-Schritt-Anleitungen wollen die Gründer Montage- und Wartungsprozesse in Industrie und Handwerk unterstützen. Dabei werden dem Nutzer über die Brille interaktiv Informationen zur aktuellen Aufgabe gegeben und auch Fehler im Montageprozess rückgemeldet.

b2morrow, Ron Hechelmann: Klimaneutralität für Unternehmen leicht machen – das ist das Ziel von b2morrow. Mit dem KI-basierten Tool können Unternehmen automatisiert ihren CO2-Fußabdruck ermitteln und erste Schritte einer Nachhaltigkeitsstrategie erstellen lassen.  „Das Ziel ist, schneller ins Handeln zu kommen.“ Das Handwerk profitiere doppelt: einmal als Nutzer des Tools, aber auch als Umsetzer der Energiewende.